6. Investitionen in die frühkindliche Bildung

Bildquelle: Das NeZ UG


Es gibt in unserem schönen Deutschland Ungerechtigkeiten, es gibt Konflikte, es gibt so viele ungelöste Probleme, alles das ist nicht schön, aber auch irgendwie, wie soll ich sagen, menschlich. Wir Menschen machen Fehler, wir Menschen verschließen die Augen vor unbequemen Wahrheiten. Aber es gibt eine Tatsache, die ist einfach unerträglich, die kein Mensch auch nur eine einzige Sekunde schulterzuckend hinnehmen kann:

Es gibt in unserem reichen Deutschland zwei Millionen arme Kinder!

Deshalb widmen wir diesem wichtigen Thema einen eigenen Punkt, sicher haben Sie gesehen, dass es ein ganzes Kapitel Bildung gibt, dort geht es um die Bildung im engeren Sinne, also um alle Formen der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Wir möchten uns in diesem Kapitel auch um Bildung im Sinne von Menschwerdung kümmern und die beginnt bereits im Mutterleib.

Sie kennen die Geschichte von dem Cellospieler, der ein neues Stück probte und sich wunderte, dass er es bereits fast auswendig konnte. Als er seine Mutter, ebenfalls eine Cellistin, danach fragt, erinnert diese sich, genau dieses Stück während der Schwangerschaft gespielt zu haben. Legende oder nicht, finnische Forscher haben bewiesen, dass sich Babys an Lieder erinnern, die sie im Mutterleib gehört haben. In der alten ostasiatische Zählweise war das Baby bei der Geburt bereits ein Jahr alt, die Schwangerschaft wurde als Lebenszeit mitgerechnet. Wir Menschen lernen bereits im Mutterleib, der Sprachduktus des Menschen bildet sich beim Säugling heraus, bevor er selbst anfängt zu sprechen. Auch Essgewohnheiten lernen Kleinkinder, schon bevor sie anfangen selbständig zu essen. Bereits ein dreijähriges Kind hat eine ausgeprägte Persönlichkeit, ein sechsjähriges Kind hat seinen Platz in mehreren sozialen Gruppen wie Familie, Kindergarten und Nachbarschaft gefunden und behauptet ihn, in vielen Ländern Afrikas spricht es drei Sprachen. Ein sechsjähriges Kind hat einen Wortschatz von durchschnittlich 4.000 Wörtern.

An dieser Stelle müssen wir auf jedes Wort achten: was heißt "durchschnittlich?" Marcus Maurer hat in seinem Buch" Du bleibst, was Du bist", was Sie natürlich in unserer Mediathek finden, ein bezeichnende Tatsache gefunden: "Kinder unter drei Jahren aus der sogenannten Unterschicht nehmen pro Monat etwa 500 verschiedene Wörter auf. Kinder aus der sogenannten Arbeiterschaft ... 700 Wörter. Kinder aus der sogenannten Oberschicht 1.100 Wörter pro Monat. Differenz 400 bis 600 Wörter pro Monat".

Dieses Beispiel macht unsere Forderung deutlich: die Förderung der frühkindlichen Bildung gerade bei den sogenannten bildungsfernen Haushalten muss bereits unmittelbar nach der Geburt beginnen. Und zwar nicht mit einer überbordenden Bürokratie, á la "Bildungspaket", sondern unbürokratisch und direkt: Bildungsgutscheine für den Erwerb von Büchern und pädagogisch wertvollem Spielzeug, Bildungsgutscheine für den Besuch von Workshops für Säuglinge und Kleinkinder, Krabbelgruppen, Babyschwimmen, was es da alles gibt, Bildungsgutscheine für Haushalts/Erziehungshilfen für stillende Mütter etc. etc. Es gibt viele sinnvolle Maßnahmen, die allesamt Geld kosten aber definitiv nicht so teuer sind wie die Rettung einer Großbank und dafür ist ja immer Geld da. Wichtig ist auch, das Geld geht an die Eltern und nicht an irgendeine Verwaltung! Weitere Förderungen für das Kleinkind ab der Geburt lesen Sie in unserem Kapitel Die Gleichberechtigung von Mann, Frau und Kind und die Stärkung der Familie.

Wenn dann unser Traum von Förderung von der Geburt bis zum Erreichen des Schulalters erfüllt ist, bekommt unser kleiner stolzer Schulanfänger von seinem Staat ein Geschenk in seine schöne Schultüte: das deutsche Bildungssystem! Ich meine das nur ein wenig ironisch: dieses Schulsystem ist ein Geschenk, das von Generationen erkämpft wurde und um das uns viele Menschen auf der ganzen Welt beneiden. Eine kostenlose Ausbildung für alle. Das darf uns aber nicht die Augen davor verschließen lassen, dass dieses System veraltet und überholt ist und inzwischen ein Mehrklassensystem geworden ist, das immer mehr die ausschließt, die es am allermeisten benötigen. Somit ist auch unser Bildungssystem eine Ursache für Radikalisierung bestimmter Bevölkerungsschichten und muss dringend modernisiert werden.

Lesen Sie dazu unser Kapitel Bildung, wir konzentrieren uns an dieser Stelle auf drei Punkte:

  1. Die Bildungspyramide in Deutschland steht auf dem Kopf
  2. Diversität und mangelnde Chancengleichheit im deutsche Bildungssystem
  3. Die Bildung der Kinder hängt direkt vom Einkommen der Eltern ab

Die Bildungspyramide in Deutschland steht auf dem Kopf

Bei jedem Versuch, an einer deutschen Hochschule Studiengebühren einzuführen, entsteht eine breite Protestbewegung. Natürlich hat auch diese Bewegung recht, denn ein so reiches Land wie unseres, sollte es sich leisten können, allen Menschen mit einer Hochschulreife ein kostenloses und qualitativ hochwertiges Studium zu ermöglichen.

Die vollkommen unzureichende Anzahl und Ausstattung von Kinderkrippen und Kindergärten speziell in Ballungszentren wird gesellschaftlich jedoch kaum wahr genommen. Eltern aus Leipzig mussten sich ihr Recht auf einen Kindergartenplatz höchst richterlich erstreiten. Die deutsche Nation ist, was den Umgang mit Kleinkindern betrifft, immer noch durch eine Mauer getrennt und nach Meinung einiger besonders fortschrittlicher bayerischer Politiker sollten Mutter und Kind sowieso besser da bleiben wo sie hingehören, nämlich am Herd. Die mangelnden Kapazitäten frühkindlicher Bildungseinrichtungen und der damit verbundene Kampf um die begehrten Plätze haben den fatalen Effekt, dass diejenigen, die diese Plätze am dringendsten bräuchten, nämlich bildungsferne Haushalte oder Familien, in denen kaum deutsch gesprochen wird, leer ausgehen. Die Jobcenter haben ihre ganz eigene Logik: wer keine Arbeit hat, ist ja eh zu Hause, braucht also keinen Kitaplatz.

Sowohl in Krippen als auch in Kitas sind die Betreuungsschlüssel meist doppelt so hoch, wie es pädagogisch sinnvoll und notwendig wäre. In Zeiten erhöhten Krankenstandes erfolgt dann nur noch eine Notbetreuung, viele Kitas müssen tageweise ganz geschlossen werden. Die Situation der Grundschulen ist nicht besser, fehlende Lehrer, bröckelnde Fassaden und eine veraltete Ausstattung sind hier der traurige Alltag. Skandinavische Länder sind ein gutes Vorbild. Dort wird die frühkindliche Bildung umfassend gefördert und nach „oben“ nimmt die Förderung ab. Natürlich ist auch eine schwedische Universität teurer als ein Kindergarten. Es geht um das System, dass dafür sorgt, das eine engmaschige Betreuung aller Kinder möglich ist. Das ist wichtig, weil durch die immer größer werdende Arm-Reich-Schere immer mehr Kinder schon frühzeitig jede Bildungschance verlieren.

War das deutsche Bildungssystem der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre noch ein inklusives System, dass bei Vollbeschäftigung allen, also Arbeiterkindern und Akademikersprösslingen die nahezu gleichen Chancen bot, so ist es heute ein mehr und mehr exklusives System, dass immer mehr Kinder ausschließt. Meine Lieben die Generation der 68er, also die Schröders und die Fischers sind solche Kinder „aus dem Volke.“ Ist es Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die ein System demontieren, dem sie ihre eigene Karriere verdanken?!


Diversität und mangelnde Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem

Seit dem Wirtschaftswunder in den sechziger Jahren war die frühere BRD und, wenn auch im begrenzteren Maße, die DDR ein Einwanderungsland. Glaubte man damals noch, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen, so lebt inzwischen die dritte Generation in unserem Lande. Auch in den Jahrzehnten nach der Wende ist der Zuzug von russischen Juden, den Deutschen aus Siebenbürgen bishin zu Opfern von Kriegen in aller Welt ungebrochen. Das Ergebnis ist eine große Diversität der auszubildenden Kinder.

Verschiedenste Ethnien, Religionen und Brauchtümer auf sehr unterschiedlichen Ausgangsniveaus treffen heute auf ein deutsches Bildungssystem, dass dieser Anforderung in keiner Weise gerecht wird. So wird dann einfach aussortiert. Wer den Anforderungen nicht gerecht wird, bleibt auf der Strecke. Dazu kommt, wer die ersten Sprossen der Bildungsleiter nicht erklimmt, erhält später, egal welche Entwicklungssprünge er macht, kaum noch ein zweite Chance.

Wir betonen an dieser Stelle wieder, dass viele Erzieher, Lehrer und andere Mitarbeiter Großartiges leisten und ihren Kindern aufopferungsvoll zur Seite stehen. Das System funktioniert äußerst unvollkommen, es gehört von Grund auf saniert!


Die Bildung der Kinder hängt direkt vom Einkommen der Eltern ab

Inzwischen wächst die zweite Generation von Hartz4 Empfängern heran, diese Kinder saugen die Chancenlosigkeit mit der Muttermilch auf. Immer mehr Studien belegen, dass die Bildungschancen der Kinder direkt mit der sozialen Herkunft und dem Verdienst der Eltern zusammen hängen. Inzwischen sind 75% der Studenten in Deutschland die Kinder von Akademikern. Das Establishment rekrutiert sich zunehmend aus sich selbst.

Das deutsche Bildungssystem wird immer exklusiver, das heißt es werden immer mehr Kinder ausgeschlossen. Die Anforderungen an das System steigen durch die größer werdende Arm-Reich-Schere und die wachsende Diversität unserer Kultur. Diesen Herausforderungen ist unser deutsches Bildungssystem in keiner Weise gewachsen und die Gefahr wächst, dass diejenigen, die vom System ausgeschlossen werden, sich radikalisieren, in welche Richtung auch immer.


Nachtrag Oktober 2018

Eine der vielen Facetten der Flüchtlingsproblematik sind die Kinder der Geflüchteten an unseren Schulen. Die besorgten Bürger merken an, das diese unser Bildungssystem überfordern. Damit haben sie zweifelsohne recht. Den Kindern aber daran die Schuld zu geben, ist frei nach der Logik, die dem Wassertropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, anlastet, er hätte das Fass überfüllt. Nein meine Lieben, das ist der Tropfen, der allen zeigt, dass ein System einfach nicht mehr funktioniert.

Unsere Schulen sind auch ohne Flüchtlingskinder längst weit über ihre Kapazitäten hinaus überlastet.

Politiker wissen immer einen Rat: sie nennen die Klassen, in denen diese Kinder integriert werden sollen: “Willkommensklassen“ ... Wie hübsch, welche Herzenswärme doch aus dieser Bezeichnung zu uns spricht. Wir halten uns an die Fakten und nennen die Klassen beim Namen: das sind Integrationsklassen, denn jedes Kind, das traumatische Erfahrungen hat und kein Deutsch spricht, ist ein Integrationskind, hat also einen so genannten Integrationsstatus. Dies ist ein Rechtsanspruch auf zusätzliche Lehr- und Betreuungskräfte sowie andere Ressourcen. Die Wahrheit ist, dass nicht einmal für die deutschen Kinder mit einem I-Status, diese Ressourcen in dem, vom Gesetzgeber vorgegebenen Maße vorhanden sind.

Also geben unsere, so herzenswarmen Politiker diesen Klassen lieber einen Kuschelnamen und überlassen sie den ohnehin überforderten Lehrern. Für das Scheitern dieser Integration wird das „gesunde Volksempfinden“ schon schnell den Schuldigen finden. Es ist einfach widerlich!


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