5. Reform der Bildungspolitik hinsichtlich der Aufgabenverteilung von Bund und Ländern

Nach gesellschaftlichen Erdbeben, wie etwa Kriegen und Revolutionen, wollen die Menschen aus den Fehlern lernen und alles besser machen. Die alten Eliten haben versagt, denn sie sind für das ganze Schlammassel verantwortlich. Die neuen, vormals unterdrückten Eliten kommen an die Macht, sie sprühen vor Ideen und Tatendrang und können ihre Vorstellungen endlich umsetzen. Dies ist ein gewaltiger Motor, der die Gesellschaft reformiert. Nun vergeht Jahrzehnt um Jahrzehnt, inzwischen ist „das“ alles schon so lange her, aus den jungen, neuen Eliten, sind längst die alten, etablierten geworden.

Für die neuen Generationen, die nach der Katastrophe geboren wurden, ist sowieso schon „immer“ alles so, wie es ist. Die „Alten“ stehen inzwischen als Helden in den Geschichtsbüchern und aus lebendigen Menschen werden Straßennamen. Nur die Veränderungen bestehen fort, so als ob sie eherne, von Gott gegebene unabänderbare Gesetze sind. Die Kinder sind inzwischen erwachsen geworden, haben Verantwortung übernommen und sich einfach an die Zustände gewöhnt. Es ist doch alles gut, warum soll, was in ihrer Kindheit gut und richtig war, plötzlich überholt und falsch sein.

Aber die Erde hat sich weiter gedreht, es sind neue Zeiten, ganz andere Mechanismen beherrschen die Welt! Was früher noch Motor des Fortschritts war, ist heute vielleicht nur noch ein Klotz am Bein der Gesellschaft. Letztlich bedarf es dann eines neuen Bebens, um sich dieser Hemmnisse zu entledigen und etwas neues, der Zeit angemessenes zu erschaffen. Die Journalisten sprechen dann gerne von Revolutionen, wünschenswert wäre, wenn es friedlich zuginge, wir Deutschen haben da so unsere Befürchtungen, es muss eben nicht immer gleich ein Weltkrieg sein.

Damit liebe Leser, wechseln wir wieder unsere geistige Brille, wir legen die schwere, etwas angestaubte „allgemeine Philosophiebrille“ ab und setzen die moderne leichte „konkrete Problembrille“ auf. Dann lesen wir die Überschrift unseres Kapitels: "Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern," und stellen fest, dass die Kultur- und Bildungshoheit der Bundesländer ein Relikt aus der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland ist, die auf den Trümmern des Monstrums „Drittes Deutsches Reich,“ errichtet wurde.

Natürlich hatten die Gründer unseres neuen Deutschlands recht damit, eine zentralistische, im konkreten Falle auch noch preußische Allmacht zu zerschlagen und lieber einen Bund aus kleinen, überschaubaren Ländern zu errichten. Das fanden auch die Alliierten ganz prima und schnell hatte man heraus gefunden, dass ja sowieso Preußen die Ursache alles Bösen war. Man schlug das große Bilderbuch der deutschen Geschichte auf und dort stand in sauberer Sütterlinschrift, wie schön idyllisch doch die Jahrhunderte waren, als die Deutschen in hübschen kleinen Ländchen gelebt haben. Die Duodezfürsten schauen so friedlich von den etwas verstaubten Ölgemälden und es war doch wirklich nicht alles schlecht.

Die Entwicklung unseres Heimatlandes gibt unseren Großeltern recht und wir haben allen Anlass, uns vor ihrem Werk zu verneigen und in aufrichtiger Dankbarkeit auf über siebzig Jahre Frieden und eine wirklich ansehnliche wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung zu schauen. Das meine ich vollkommen ernst, liebe Leser. Gerade deshalb können wir uns doch auf das Erreichte verlassen und endlich ein paar Regeln über Bord werfen, die inzwischen anachronistisch und oft auch einfach absurd sind. Am deutschen Wesen muss schon lange keine Welt mehr genesen, der säbelrasselnde deutsche Militarismus ist seit mindestens zwei Generationen auch aus den Köpfen verschwunden. Deutschland, wir dürfen unsere Heimat wieder selbstbewusst so nennen, ist Gründungsmitglied und fest verankert in einem vereinten Europa.

Europa, das ist der Horizont, an dem auch unsere Bildung endlich ausgerichtet werden muss. Sicherlich, der Schoß der ewig Gestrigen ist fruchtbar noch und Europa hat noch einen weiten Weg vor sich, dazu braucht es vor allen Dingen gut ausgebildete, europäisch denkende deutsche Schüler, ein „Weltatlas Saarland“ und ein „Weltatlas Brandenburg“ helfen dabei sicherlich nicht.

Also fordern wir:

  • Das Abschaffen der Bildungshoheit der Länder hinsichtlich der Inhalte und Lehrmaterialien.
  • Das Errichten einer bundesweiten Infrastruktur zur Erforschung und Herstellung von qualitativ hochwertigen und bundeseinheitlichen Lehrmaterialien,
  • Gleiche Ausstattung der Bildungsträger bundesweit: inhaltlich, finanziell und personell.

Eins und Eins ist überall Zwei, es gibt auch keine brandenburgische Physik und eine saarländische Chemie. Gerade wenn man die Wissensgebiete, die sich weder kulturell, noch geschichtlich, noch geographisch unterscheiden, auf ein einheitlich hohes Niveau bringt, können die regionalen Aspekte von Kultur, Geschichte und Geographie als Besonderheit deutlich heraus gearbeitet werden.

Bildung gehört nicht in die Hände von Kommunalpolitiken. Sie gehört in die Hände von Fachleuten. Natürlich haben die Länder auch in Zukunft ein Mitspracherecht, aber das Erarbeiten der politischen Rahmenbedingungen für die Bildung gehört endlich in den Bundestag!

Ein weiterer negativer Effekt der Bildung in Landeshoheit sind die enormen Qualitätsunterschiede der jeweiligen Bildungsabschlüsse. Nach dem Gleichstellungsgesetz haben in Deutschland alle gesellschaftlichen Gruppen, Ethnien, Religionen und Geschlechter das gesetzlich verbriefte Recht auf Gleichbehandlung. Mit einem Berliner Abitur in der Tasche haben die Berliner Schüler an den deutschen und internationalen Universitäten zunehmend schlechte Karten.

Im Gegensatz zu den Schulverwaltungen, die ersatzlos abgeschafft werden, steht in dieser Überschrift: Reform! Die Bildungshoheit der Länder ganz und gar abzuschaffen, ist sicherlich nicht sinnvoll, weil ein föderales Forschungs- und Universitätssystem auch große Vorteile bietet.

Also Abschaffen der Länderhoheit dort, wo es Sinn macht: bei den Inhalten, bei den Grundschulen und allen Bildungsträgern bis zum Abitur. Das Werkzeuge dazu sind die bundeseinheitlichen Bildungsgutscheine, obwohl selbst hier gilt, auf der sicheren Fundament einer bundeseinheitlichen Regelung, können erst recht verhältnismäßig kleine aber wichtige regionale Unterschiede gemacht werden.


Kommentare


Einloggen oder Registrieren um einen Kommentar zu schreiben